Frühlingsanlass 2012

Dienstag, 8. Mai 2012, 19:00 Uhr
Universität Zürich, Rämistrasse 71, Hörsaal KOL F 104


Die Arbeiten am Lehrplan 21 werfen die Frage auf, wie viel und welche Geschichte in der Volksschule künftig vermittelt werden soll. Die starke Ausrichtung auf Kompetenzen, neben der die Inhalte der Geschichte zweitrangig scheinen, wird zunehmend kritisiert. Es wird da und dort der Ruf nach einem neuen Kanon laut. Doch ist die Kanonisierung von Geschichtswissen und Geschichtsvermittlung eine sinnvolle Lösung?

Mit dem neuen Lehrplan 21 verschwindet die Geschichte als Begriff aus dem Lehrplan der Volksschule der Deutschschweizer Kantone und wird Teil des disziplinenübergreifenden Fachs „Räume, Zeiten, Gesellschaften“. Anstelle von Inhalten werden Kompetenzen definiert, die zu erreichen sind. Diese Kompetenzorientierung wird nun zunehmend in Frage gestellt. Kürzlich hat die Schweizerische Gesellschaft für Geschichte SGG Position bezogen in einem Brief an die EDK (vgl. dazu auch den NZZ-Beitrag, das Interview von Prof. Dr. Lucas Burkhart und den einschlägigen Radiobeitrag). Die SGG bedauert das Verschwinden des Begriffs Geschichte und den damit verbundenen Abbau von Stunden, da die Kenntnisse historischer Zusammenhänge in der Gesellschaft zunehmend verloren gingen. Dies sei jedoch für die „selbständige Urteilsbildung und für das Verständnis der politischen und gesellschaftlichen Strukturen der Schweiz zentral“. Der Vermittlung von historischem und politischem Wissen über die Schweiz komme zudem eine wichtige Integrationsfunktion zu, in einer Gesellschaft, in der viele junge Menschen in die Schweiz zugewandert seien und von ihren zugewanderten Eltern keine Vermittlung dieses Wissens erwartet werden könne. Geschichte biete da das notwendige individuelle und gesellschaftliche Orientierungswissen, auf dem Integrationsprozesse aufbauen könnten.

Die öffentliche Debatte scheint sich nur sehr langsam diesem Thema anzunehmen. Die politischen Parteien und PolitikerInnen schweigen fast gänzlich, ausser natürlich Christoph Blocher, der im Lande herum zieht und sich als eine Art Freiheitsvordenker und Macher in die Reihe von Gottfried Keller und Alfred Escher stellt. Er vermittelt historisches Wissen in Form eines Mini-Kanons. Immerhin scheint er im Gegensatz zu den meisten anderen zu wissen, woher wir (Schweizerinnen und Schweizer) kommen und wo der Weg hinführen sollte.

Aus dem für den Fachbereich verantwortlichen Team des Lehrplans 21 kommen auch vermehrt selbstkritische Töne, so von Peter Gautschi, Geschichtsdidaktiker an der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz und Verfasser des erfolgreichen Lehrmittels „Geschichte lehren. Lernwege und Lernsituationen für Jugendliche“. In einem Interview mit der Zeit, räumt er ein, dass nicht mehr die Fachwissenschaft Geschichte, sondern die Pädagogik den Lehrplan präge, welche die Fragestellungen der Jugendlichen und die gesellschaftlichen Schlüsselprobleme ins Zentrum rücke und sich an zu vermittelnden Kompetenzen orientieren. Dabei besteht die Gefahr, dass die Vermittlung historischen Wissens und historischer Zusammenhänge in den Hintergrund geraten. Gautschi verweist auf Holland, wo als Reaktion auf diese Entwicklung das Pendel zurzeit zurückschlage und nun die Kanonisierung der 50 wichtigsten geschichtlichen Phänomene Thema ist.

Podiumsdiskussion

Prof. Dr. Regula Schmid Keeling* Hans-Jürg Fehr* Prof. Dr. Peter Gautschi*

Der Vorstand von HS Alumni lädt Peter Gautschi, Professor für Geschichte und Geschichtsdidaktik an der PH Zentralschweiz, ein, am Frühjahrsanlass Einblick in den aktuellen Stand der Arbeiten des Lehrplan 21 zu geben und anschliessend darüber zu diskutieren, wie die Vermittlung grundlegenden historischen Wissens gewährleistet werden kann. Hans-Jürg Fehr, Historiker und Nationalrat, wird die Sicht des Politikers in die Diskussion einbringen. Regula Schmid Keeling , SNF-Förderungsprofessorin an der Uni Fribourg und Privatdozentin an der Uni Zürich, wird die Erfahrungen und die Sicht der Universität einbringen. Als Mediävistin ist sie Vertreterin eines Fachgebiets, das lange prägend war für die schweizerische Nationalgeschichtsschreibung und das heute vor der Herausforderung steht, neben den Traditionslinien insbesondere auch die Distanz und Andersartigkeit der Zeit zwischen 500 und 1500 zur heutigen Zeit zu vermitteln und mit der Gegenwart in Verbindung zu setzen.

Programm

Ablauf
18h15 Generalversammlung (nur für Mitglieder)
18h45 Pause
19h00 Podiumsdiskussion (für alle Interessierten)
ab 20h30 Apéro riche (alle Interessierte)

* Bildnachweise:

Prof. Dr. Regula Schmid Keeling

Hans-Jürg Fehr

Prof. Dr. Peter Gautschi